Donnerstag, 21. Mai 2015


Sonnenuntergang auf der Insel Olkhon im Baikalsee



Aussicht auf das „groβe Meer“-den offenen See


Nach einem dreitägigen Aufenthalt in einem der schönsten Orte, die ich je gesehen habe, fühlte ich mich einerseits innerlich aufgewühlt und gleichzeitig gereinigt-wahrscheinlich, weil beides zusammenhängt: Frisches oder Neues kann nur eine säubernde Wirkung haben, wenn Altes aufgemischt wird.
Die Frage die sich aber eigentlich stellt ist, warum?
Darauf würde ich antworten, dass es die Natur ist: Diese 720 Quadratkilometer groβe Insel (ein Drittel der Fläche Luxemburgs), die gröβte des Baikalsees (der flächenmäβig Belgien entspricht), zählt nur ungefähr 1700 feste Einwohner. Da ich im Mai, also noch nicht in der Touristensaison, da war, waren auch kaum mehr Menschen dort.
Dementsprechend natürlich ist die Umgebung: absolut kein Asphalt, frei herumlaufende Kühe, Pferde und Schafe, bunte Tücher des Schamanenkults, viel Wald, Felsen (teilweise „heilige“), und vor allem der See, der, wenn man nicht dem Festland gegenübersteht, wie ein Meer aussieht-nur, dass das Wasser so sauber und klar ist, dass man es trinken kann.
Das Wetter war (für mich) überraschend gut, wahrscheinlich, weil das westeuropäische Bild Sibiriens im Mai nicht sommerlichen 15-20 Grad (im Schatten) entspricht. Natürlich ist es seebedingt windig und rau-aber das macht für mich unter anderem den Charme des Ortes aus.

Denn es ist diese unbegreifliche Weite und Wildheit der Natur, die die auβergewöhnliche Schönheit des Ortes ausmacht.
Obwohl es abends kühler wird, ist es dort mit Sicherheit der atemberaubendste Moment des Tages: Der scheinbar unendliche Sonnenuntergang über dem See mit einigen übrig gebliebenen, leise knisternden Eisschollen, neben den schroffen und spitz emporragenden Felsen, mit ein paar Möwen, die gleichgültig herumfliegen, begleitet von einer Brise. Die Wolken färben sich von gelb, über orange zu feuerrot oder violett. Es herrscht eine Stille die keine ist: aber eine natürliche Ruhe.

Ich stand als Mensch da und selbst nach einer halben Stunde oder mehr, war es noch faszinierend. Im Nachhinein frage ich mich, wie das sein kann. Natürlich ist es ein unvergleichliches Naturschauspiel-doch wieso ziehen uns solche Phänomene so in ihren Bann?
Zunächst ist der Anblick so überwältigend, dass ich ihn ganz in mich aufnehmen möchte; ihn nicht mehr vergessen will-die Welt ist doch so unglaublich!
Denn nach einiger Zeit wird mir klar, dass dies alles den Verstand einfach übersteigt: Als Mensch kann man so etwas vielleicht nicht begreifen, es erscheint absurd:
Die Natur ist so riesig, so wundervoll und gleichzeitig rau und hart-und vor allem: Sie existiert einfach; gleichgültig, was uns angeht.
Sie sucht nach keinem Sinn; weil sie keinen braucht-es gibt sie nur einfach.
Ich merke, dass ich das aber nicht verstehen kann; die Vernunft kann nicht nur einfach sein.
Vielleicht bleiben die Gedanken auch nicht lange dabei stehen: Sie schweifen ab, fliegen aus in die Weite, die sie umgibt. Doch auch dort bleiben sie nicht-denn es geht so weit-sie kommen dann wieder auf das Menschliche, Fassbare zurück.
Nachdem man so weit auβer sich sein konnte, geht man dementsprechend weit in sich zurück: Zusammenhänge, Wünsche, Probleme, Mängel und Hoffnungen sind plötzlich klarer und reiner; ohne Störungen, ohne Lügen.
Normalweise ist es schwer, wahrhaftig mit sich alleine zu sein, da entweder Menschen oder zumindest ihre Präsenz (beispielsweise in Häusern, Straβen oder Landschaften) immer spürbar in der Nähe sind.
Hier ist das anders: Die Natur leistet keine Gesellschaft, die ist nur ein Rahmen, der einen auf eine angenehme aber sehr intensive Art und Weise alleine sein lässt.

Doch gerade weil diese Reinigung so gründlich ist, ist sie vor allem auf Dauer anstrengend: Nach einer Weile wird es zu viel, zu einnehmend, sodass die Gedanken sich wieder nach auβen wenden.
Zuerst wieder auf die Natur, dann sehne ich mich wieder nach anderen Menschen-weil sie auf einer Ebene und somit greifbar und zugänglich, wenn auch nicht unbedingt verständlich, sind.
Nach der Konfrontation mit der Weite ist dies Balsam für die Seele wie nach einem heiβen Bad; beruhigend und aufbauend.


(Ein bisschen Kitsch muss manchmal sein.)

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